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In Linz am Rhein, zwischen Bonn und Koblenz, findet am 14. und 15.Oktober der traditionelle Kunsthandwerkermarkt statt. Und am 14.10.ab 18 Uhr wird Linz noch bunter, denn sie wird ausgeleuchtet: Linz leuchtet.

Viele Veranstaltungen machen das bunte Treiben noch bunter, unter anderem liest Susanna M. Farkas im Café Kitsch aus ihren Büchern. Ein Besuch lohnt sich!

 

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Fiona

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Blogbeitrag: Auf der anderen Leitung - 26.01.2016

Noch 15 Minuten bis Schluss. Meine Sitznachbarin und ich werfen uns einen unauffälligen Blick zu. „Räum‘ deinen Zettel weg, hast du das Zeichenverbot vergessen?“, meint sie mit einem ironischen Lächeln. Sie spricht verhältnismäßig leise, da wir uns angeblich nicht mehr unterhalten dürfen. Ich zucke mit den Schultern. „Mir doch egal.“, entgegne ich trotzig. „Aber er kommt sicher noch vor Schluss. Hast du die Kurzhaarige nicht gesehen?“, meint sie, mit dem Kinn in Richtung Tür deutend.

Nein, wir sind hier nicht in der Grundschule. Das Jahr 2010, sowie der heutige Arbeitstag sind so gut wie zu Ende. Seit einigen Monaten arbeite ich in einem Callcenter, das sich in einem der schickeren Vororte befindet. Nicht, weil das Spaß macht. Du denkst bestimmt, dass das traurig ist, einen Job auszuüben, der mir keinen Spaß macht (zumindest denke ich das). 35 Stunden pro Woche mit etwas zu verbringen, das mich weder inspiriert, noch motiviert - dahinter sehe ich keinen Sinn. Ich weiß, es gibt viele Menschen, die das tun, aber ich finde nicht, dass dieses Wissen etwas an meiner Situation ändert.

Im Moment kann ich nicht behaupten die Wahl zu haben. Das Gute an der Sache ist, dass ich hier mit Sicherheit nur vorübergehend arbeite. Mit absoluter Sicherheit. Mein Französisch lässt, wie das der meisten Personen in diesem Raum, zu wünschen übrig. Beim Arbeitsamt habe ich, leicht stotternd und bestimmt mit hochrotem Kopf, nach Jobs auf Deutsch gefragt, woraufhin die Beraterin mir gelangweilt ein paar Anzeigen ausgedruckt hat. Heiß war es in ihrem Büro. Diese typische Großstadt-Hitze. Stickig, ohne Luftzug. Kein Wunder, dass es ihr an Motivation fehlt. Stellt der armen Frau doch einen Ventilator auf den Tisch! An die erste Firma habe ich meinen Lebenslauf geschickt, am nächsten Morgen wurde ich von deren Anruf geweckt und am Tag darauf fand das Vorstellungsgespräch statt.

Hier arbeiten hauptsächlich Deutsche und ein paar Italienerinnen, alle in Sitzreihen gequetscht und durch Glasscheiben von einander getrennt. Wir alle tragen dieselben Kopfhörer mit Mikro, die unangenehme Piep-Geräusche des Telefons an die Ohren weiterleiten. Glücklicherweise sind die Kolleginnen alle sehr nett, so gibt es zwischen meckernden Kunden und Kopfschmerzen zumindest etwas Positives an der Sache.

Dass die Kurzhaarige stark geschminkt ist und sich in ihr Schlampen-Outfit gezwängt hat, kann nichts Gutes bedeuten. Ich weiß, man soll die Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen, aber pass auf, was uns alle hier zum Lachen bringt: An den Tagen, an denen der Chef nicht da ist, kommt sie ungeschminkt, in Jeans, Sneakers und mit Disney-T-Shirts zur Arbeit. Ist er da, schminkt sie sich wie ein Clown, trägt einen Rock, der knapp das Hinterteil bedeckt, dazu Strapse (denen es, aufgrund der Kürze des Rockes, nicht gelingt, sich als Strumpfhose zu tarnen) und Highheels, die sie zum Schwanken bringen. Aus diesem Grund darf ich Schlampen-Outfit schreiben, was nicht bedeutet, dass ich besagte Person als Schlampe bezeichne.

„Wetten er kommt noch direkt vor Schluss rein um zu sehen wer wie viele Kunden angeworben hat?“, meint meine Sitznachbarin. Wieder ziert ein ironisches Grinsen ihr Gesicht. Sie spricht etwas zu laut, so, dass die Teamchefin ihr von ihrem Tisch aus einen strafenden Blick zuwirft. Diese ist sehr nett, aber sobald der Chef in der Nähe ist, muss sie natürlich für ein wenig Disziplin sorgen. Wir sprechen weiter. „Ich wette gar nichts, weil ich weiß, dass du Recht hast.“ Das Reden fällt mir schon ein wenig schwer, nachdem ich den ganzen Vormittag lange perfekt artikulieren musste.

Der Chef sieht Sarkozy zum Verwechseln ähnlich. Das passt auch gar nicht schlecht, denn von der Sympathie her würde ich die beiden auf etwa den gleichen Rang stellen. So gegen die 0. Es piept ein letztes Mal in meinem Ohr, bevor die Sekretärin ans Telefon geht. Es fühlt sich seltsam an, meinen Dialekt zu hören, wo ich doch nun so weit weg bin. Beinahe hätte ich vergessen, wie man diesen spricht. Jetzt wo ich ihn höre, ist es einfacher. Da die Frau an der anderen Leitung glauben soll, ich sei gleich um die Ecke, spreche ich nicht hochdeutsch, sondern wie sie. Das ist Teil des Jobs, ein kleiner Schwindel, um mehr Umsatz zu machen.

Sarkozy spaziert, in schwarzem, makellosem Anzug durch den fensterlosen Raum, zwischen den Sitzreihen hindurch. Die einzige Falte, die sein Kostüm trägt, ist die Bügelfalte der Hose. Er schaut uns allen einzeln in die Augen, ohne irgendjemanden zu begrüßen. Da ich das unverschämt finde, erwidere ich seinen Blick mit einem leichten Nicken. Keine Reaktion. Schweigend verfolgt er das tägliche Geschehen.

„Was machst du nachher?“, fragt meine Sitznachbarin, die, wie ich gerade einen von den etwa 100 Anrufen des Morgens hinter sich gebracht hat. Ich erinnere mich nicht an die Anzahl, zu der man laut Vertrag verpflichtet ist, doch das Computerprogramm zählt. „Weiß nicht. Erstmal nachhause und dann schauen. Willst du was machen?“ Sarkozy schaut uns böse an. Ich lächle ihm zu, doch sein Gesichtsausdruck bleibt versteinert. „Falls sich das neben deinem Training noch ausgeht, vielleicht, ja. Wie ist dein neuer Mitbewohner?“, fragt sie. Sarkozy räuspert sich. „Komisch.“ „Silence!“, sagt er nun laut und die Teamchefin wirft uns einen tadelnden Blick zu. So als wollte sie sagen „Könnt ihr denn nicht die 2 Minuten abwarten, bis er wieder in seinem Büro verschwindet?“ So warten wir ihr zuliebe, mit dem ständigen Piepen des Freizeichens in den Ohren.

Sarkozy winkt die Teamchefin zu sich ins Büro. Das kann natürlich nichts Gutes bedeuten. Als er nicht hersieht, überdreht sie die Augen. Auf dem Weg aus dem Raum bleibt er vor der kleinen Tafel mit den Statistiken des Tages stehen. All unsere Namen sind darauf vermerkt und daneben so viele Striche, wie wir Kunden angeworben haben. „Ich denk‘ die Neue kriegt Stress.“, meint meine Sitznachbarin, jetzt wirklich flüsternd, mit einem Blick darauf. Ich nicke. Hinter meinem Namen stehen vier Striche, hinter dem der Neuen keiner. So wie gestern und vorgestern. Vier ist natürlich auch nicht viel, aufgrund der Konkurrenz aber so gut wie unüberbietbar.

Meine Sitznachbarin verzieht das Gesicht. „Das wird so ähnlich wie vorgestern bei der letzten.“ In den vergangenen zwei Monaten waren mindestens 10 Neue angestellt worden. Während der Probezeit, war eine nach der anderen dorthin verschwunden, wo sie hergekommen war. Die nächste Sekretärin hebt ab, allerdings nur, um mich so schnell wie möglich abzuwimmeln. Das ist mir herzlichst egal, vier Striche pro Tag reichen, um keine Abmahnung zu bekommen. So setze ich zeichnend meine Unterhaltung fort.

Die Kurzhaarige stolziert den Gang entlang, in das Büro am Ende des Raumes. Hinter vorgehaltener Hand wird dieses „der Bunker“ genannt. „Was macht sie eigentlich?“, fragt die Neue, die mir schräg gegenüber sitzt, so leise, dass ich sie beinahe nicht verstehen kann. Niemand scheint das so recht zu wissen. Meine Sitznachbarin zuckt mit den Schultern. „Als Martina vor kurzem im Bunker gearbeitet hat, hatte sie Blick auf ihren Computer.“, meint sie, um sich zwei fragende Blicke von der Neuen und mir selbst einzufangen. „Den ganzen Vormittag lang hat sie sich Luxus-Unterwäsche im Internet angeschaut.“ Diese Geschichte passt hervorragend zu unseren Vermutungen. Die Neue macht große Augen.

Kurz vor 13Uhr bestellt die Teamchefin die Neue ins Büro. Meine Sitznachbarin und ich werfen uns einen bedauernden Blick zu. „Hat sie schon eine Abmahnung?“, frage ich, sobald die andere durch die Tür verschwunden ist. „Ich denke schon. Aber zwei mit Sicherheit noch nicht.“ „Dann bleibt sie zumindest noch eine Zeit lang.“ „Na ja, das kann dann schnell gehen. Wieso ist dein Mitbewohner eigentlich komisch?“, kommt sie auf das Gespräch von vorhin zurück. „Ach das ist ein Perverser!“, sage ich, wobei ich, wie sie, etwas zu laut spreche. „Wieso das?“

Es ist dreizehn Uhr und wir stehen alle auf, um uns der Reihe nach hinter den Stempelkarten anzustellen. Die Italienerinnen unterhalten sich besonders laut, so wie sich das für sie gehört. Jedes mal, wenn jemand seine Karte in das kleine Gerät steckt, macht das ein mechanisches Geräusch.

„Weil er… Weißt du das ist einer dieser Typen in grauen Strickpullis und mit Hornbrille. Außerdem stottert er und er hat keinen Job. Den ganzen Tag lang bedauert er sich selbst.“ „Und deswegen ist es ein Perverser?“, fragt meine Kollegin zweifelnd, während sie ihre Stempelkarte in das viereckige Gerät steckt. Sie lacht unauffällig vor sich hin. „Nein, nicht deshalb… Also das passt natürlich perfekt dazu… aber…“ Während ich meine Karte abstemple, versuche ich eine logische Erklärung für meine Vorahnung zu finden. „Weißt du das Bad, es hat kein Schloss.“ Meine Kollegin zieht die Brauen hoch.

Auf dem Weg zum Bus zündet sie sich eine Zigarette an. „Ich finde, wenn das Bad kein Schloss hat, solltest du ihm sagen, dass du eines willst. Kauf doch einfach eines, das ist doch nicht allzu teuer… Ist doch logisch, dass du, als Mädchen nicht mit einem wildfremden Typen wohnen kannst, ohne das Bad abzusperren.“ Ich nicke. Der Rauch ihrer Zigarette vermischt sich mit dem Hauch ihres Atems. „Ach, ich denke ich werde ohnehin so bald wie möglich wieder abhauen.“ „Das geht natürlich auch… Wenn du es nicht satt hast ständig umzuziehen.“ Ich ziehe die linke Lippe hoch und atme gleichzeitig hörbar aus, so, dass der Luftstoß einem Seufzer gleicht. „Hmm. Hab‘ ich. Ich hab‘ es sowas von satt, aber was soll ich denn anderes tun?“ „Ich denk‘ du machst dir auch ein wenig einen Film. Schau‘ dir doch erst einmal genau seine Wohnung an, wenn er nicht da ist. Durchsuch‘ seine Sachen, um zu sehen, ob du etwas Verdächtiges findest.“ Ich nicke. „Wird gemacht, Sherlock.“ „Im Notfall kannst du natürlich immer zu uns kommen.“ „Danke.“ „Wann hast du heute Training?“ „Weiß noch nicht. Ehrlich gesagt nerven die mich im Moment alle. Man kann sich auf niemanden verlassen – an einem Tag sind die Leute motiviert für diese und jene Show, am Tag darauf tauchen sie weder beim Training auf, noch gehen sie ans Telefon.“ „So sind die Tänzer eben.“ „Keine Ahnung, ob es die Tänzer sind, oder die Franzosen. Vielleicht auch die Menschen an sich. Heute Feuer und Flamme, morgen vergessen sie deinen Namen.“ Schweigend wirft meine Kollegin ihren Zigarettenstummel zu Boden.

Während ich, etwa eine Stunde später, die Tür des Gebäudes öffne, hoffe ich, dass ich nicht im Treppenhaus auf den Mitbewohner treffe. Der Grund dafür ist die Größe des Liftes. Mit Müh‘ und Not passen zwei Personen in diesen und ich habe keine Lust mich auf so engem Raum mit dieser seltsamen Gestalt vorzufinden. Das Treppenhaus ist leer. In der Stille hallen meine Schritte wider. Hastig drücke ich auf den Knopf, um den Lift zu rufen. Beim Ankommen im dritten Stock macht er einen plötzlichen, unangenehmen Ruck. Dabei stoße ich leicht mit dem Kopf gegen die verspiegelte Wand. Hinter der Wohnungstür angelangt, begrüßt mich die asoziale Katze mit einem lauten Fauchen. Das Gute an der Sache ist, dass das bedeutet, dass der Mitbewohner nicht zuhause ist. Das Schlechte, dass ich Mühe habe, an ihr vorbei ins Wohnzimmer zu kommen. Aggressiv fletscht sie die Zähne und stellt die Fellpartie ihres Buckels beinahe senkrecht in die Luft. Ihre Augen sind vor Panik weit aufgerissen. Beruhigend rede ich auf sie ein, während ich mich an ihr vorbei durch den Gang schummle.

Geschafft. Sogleich schalte ich meinen PC ein, um zu wissen, ob jemand auf eine meiner zahlreichen Bewerbungen geantwortet hat. Schließlich habe ich meinen Job so dermaßen satt, dass es Tage gibt, an denen ich mich frage, weshalb ich mich morgens aus dem Bett erhebe.

In diesem Moment klingelt mein Handy. Als ich eine mir unbekannte Nummer am Display ausmache, drücke ich leicht nervös auf die grüne Taste. „Guten Tag, ich rufe Sie an aus dem Kindergarten…“ Aus dem Hintergrund vernehme ich Kinderstimmen. Kindergarten! Wunderbar. Ich erinnere mich zwar nicht, mich bei einem Kindergarten beworben zu haben, aber anscheinend habe ich die Anzeige nicht richtig verstanden. Jetzt heißt es die zwanzig französischen Wörter aus meinem Unterbewusstsein zu kramen. Das wäre doch wunderbar, in einem Kindergarten… „Madame Court?“ „Madame… Court?“, wiederhole ich fragend. „Vous n’etes pas Madame Court?“ Sie scheint mich mit jemandem zu verwechseln. Das heißt anscheinend möchte sie mich weder zu einem Vorstellungsgespräch einladen, noch anstellen. „Non…“ Bevor ich mich vorstellen kann, legt sie, sich entschuldigend auf.

Enttäuscht lasse ich das Handy sinken. Eine Weile lang schaue ich noch unbewegt darauf. Vielleicht sollte ich weiter nach Jobanzeigen suchen? Während ich Google öffne, frage ich mich was ich denn als Jobbeschreibung eintragen könnte. Außer „Arbeit in Paris auf Deutsch“ fällt mir nichts ein. Was kann ich denn eigentlich? Da bricht die Internetverbindung ab. Genervt erhebe ich mich, um mit der Mission des heutigen Nachmittages zu beginnen. Schnell und unauffällig, wer weiß wann der Perverse zurückkommen könnte.

Sein Schlafzimmer. Im Schrank ist nichts, außer Klamotten. Nicht allzu pervers. Na gut, um ehrlich zu sein überhaupt nicht pervers. Außer man geht davon aus, dass graue Strickpullis tatsächlich einen Beweis für Perversion darstellen. Die Küche, mit dem halb verschimmelten Kühlschrank, kenne ich gut genug, um sie nicht näher untersuchen zu müssen. Und das Bad? Als ich die Tür genauer unter die Lupe nehme, bemerke ich, dass da sehr wohl Spuren eines Schlosses sind. Es sieht so aus, als hätte es für lange Zeit eines gegeben, das vor kurzem abmontiert worden war. Konzentriert streiche ich mit dem Daumen über das weiße Holz.

Die asoziale Katze mustert mich von der Wohnzimmertür aus. Ein bösartiges Funkeln ziert ihren hinterlistigen Blick. Ich gebe gerne zu, dass die Strickpulli-Stotter-Geschichte ein wenig lächerlich ist- Aber ein abmontiertes Schloss ist nun doch sehr seltsam. Umziehen sollte ich. Aber wie werde ich eine Wohnung finden, in diesem Land der seltsamen Sitten? Die meisten Vermieter hier fragen nach einem unbefristeten Arbeitsvertrag, einem Bürgen (der innerhalb des Landes wohnt und sehr gut verdient) und einem Gehalt, das an die 2-3mal so hoch wie die Miete sein muss.

Während ich ein weiteres Mal Google öffne, fällt mir ein, dass der Perverse etwas Seltsames über seine Ex-Mitbewohnerin gesagt hat: Die Wohngemeinschaft mit dieser, angeblich sehr hübschen, Russin sei „schlecht ausgegangen“. Weiteres hat er nicht erklärt. Bestimmt hat er sie in Stücke gehackt und im Gefrierschrank verstaut. „Aufgrund von unbezahlten Rechnungen besteht derzeit keine Internetverbindung.“, steht auf dem Bildschirm meines Laptops.

Fluchend gehe ich in die Küche. Dabei zwinkere ich mehrere Male, um aufkommende Tränen der Verzweiflung zu unterdrücken. In Wahrheit sind im Gefrierschrank nur ein bisschen Tiefkühlgemüse und einige uneinladenden Weight Watchers - Produkte. An meinen Nägeln kauend gehe ich in dem kleinen Wohnzimmer auf und ab. Dabei knarrt der Holzboden. Ich starre auf mein Handydisplay. Den Ex-Nachbarn könnte ich anrufen. Oder rufe ich ihn in letzter Zeit zu oft an? Vielleicht denkt er ich sei in ihn verliebt. (Was natürlich nicht stimmt, weshalb ich mir auch die Frage stelle, warum ich eigentlich darüber nachdenke.) Sind wir hier etwa im Kindergarten? Verärgert über mich selbst drücke ich auf die grüne Taste. Das Klingeln erinnert mich an meinen ungeliebten Job. Aufgeregt lege ich mir ein paar Sätze zurecht. Er geht nicht ans Telefon. Hoffentlich hat er eines von diesen, die Anrufe in Abwesenheit nicht anzeigen, wenn man bis zur Mobilbox wartet.

Verzweifelt betrachte ich das Logo des KFC auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Da vibriert das Handy, das ich immer noch in meiner rechten Hand halte. Mein Herz macht einen Satz. Der Ex-Nachb… nein. Ein Freund. Ein Freund? Ein Bekannter. Ein Tänzer. Also ein… Interessensgemeinschaftlicher. „Alles klar?“, fragt er mit gewohnt vergnügter Stimme. Eigentlich nicht. „Alles bestens und bei dir?“ Er scheint meine Frage zu überhören. „Kommst du nachher?“ „Sicher. Wann?“ „Bin schon auf dem Weg… So in einer Stunde?“ Unnötigerweise werfe ich einen Blick auf die Uhr. „Ok, ich zieh mich um und hau hier ab.“ Dann muss ich zumindest nicht die Rückkehr des Perversen miterleben. "Wer kommt sonst?" „Perfekt. Sonst - keine Ahnung, niemand. Zumindest geht niemand ausser dir ans Telefon. Ich muss dir dann was erzählen.“, meint er und setzt an aufzulegen. „Warte… ich auch… Worum geht’s bei dir?“ „Ach, ich muss umziehen. Die WG in der ich bin ist nicht auszuhalten!“ Ein zweites Mal an diesem Nachmittag macht mein Herz einen Satz. Meine Stimme steigt an, als ich aufgeregt weiterspreche: „Nicht im Ernst?!“ Er lacht. „Wieso – was geht? “ „Nein ich… Nein… ich wollte dir dasselbe erzählen…“ „Na dann… Suchen wir gemeinsam?“ „Absolut. Du hast doch Internet am Handy?“ „Nein, aber mir bleiben ein paar Euro bis zum Ende des Monats, wenn du willst gehen wir nachher in ein Internetcafé.“ „Ich hab‘ auch noch 2 oder 3… Warte, ich krieg einen anderen Anruf.“ Kurz nehme ich das Handy vom Ohr, um auf den Display zu schauen. Der Ex-Nachbar. Für ein paar Sekunden halte ich inne und starre ungläubig auf seinen blinkenden Namen. Wieder ein wenig gefasst, verwandelt sich mein Sprechen in ein leichtes Stottern. „He, der Anruf ist… wichtig… Aber das haut hin mit dem… der Wohnung und… dem… Dings… Internetcafé. Ok.Und Training.“ „Fabelhaft. Dann muss das wohl unser Glückstag sein.“ Eindeutig.