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Blogbeitrag: Der Tod der Crew - 30.01.2016

Ich blende ihren Monolog über sich selbst aus und betrachte den frisch gemähten Rasen im Gehen. Sie und ihre Freundin spazieren vor mir und dem Tänzer. Ob das eine richtige Freundin ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch nur eine dieser Zweckfreundschaften. Bestimmt verdienen wir es überhaupt nicht, dass die Kinder uns alle so beeindruckt anhimmeln. Nur wegen einem Auftritt auf einem dieser lächerlichen Stadtfesten. Wer sind wir denn schon?

Ausländer bin ich, hier in diesem unbekannten Land, in dem die Leute tagtäglich ihr Baguettes unter den Arm klemmen. Ich hätte mir nicht gedacht, dass das wirklich so anstrengend ist. Aufgrund all dieser neuen Eindrücke und der fremden Sprache muss ich mich rund um die Uhr konzentrieren. das erschöpft meine Kräfte oft schon morgens. In Wahrheit bin ich über jede Minute froh, die man mich in Frieden lässt, damit sich mein schwerer Kopf ein klein wenig entspannen kann. Angeblich soll das nach einiger Zeit besser werden.

„Du sagst ja gar nichts.“, meint der Tänzer, der auch einen Akzent hat, vielleicht sogar einen auffälligeren als ich. „Was soll ich denn sagen?“, entgegne ich, leicht genervt, da er meine Gehirnzellen in ihrer Ruhephase gestört hat.

Seine Augen kneift er ein bisschen zusammen, da er mich gegen die Sonne hin betrachtet. Dieser Blick verschafft mir Unbehagen, wo er doch denen der Kinder in gewisser Weise gleicht. So wende ich mich wieder dem Gras zu.

Es ist ein sonniger Herbsttag, in meinem ersten Jahr in Paris. Gestern sind wir von dort aus weggefahren, ganz früh, gen Norden, nach Rouen. Ich finde diese Stadt nicht sonderlich interessant. Wenn wir hier nicht tanzen würden, wäre ich bestimmt nicht hergekommen. Vielleicht komme ich auch nie wieder. Nie wieder klingt hart, aber bei einem so ausgeprägten Desinteresse löst das rein Garnichts in mir aus.

Gestern Nachmittag sind wir, die drei Tänzer, vor Müdigkeit im Tanzsaal eingeschlafen. Natürlich ist es unnötig die Müdigkeit als Grund, um einzuschlafen, anzugeben. Ich möchte einfach nur daraufhin weisen, dass wir wirklich kaputt waren. So kaputt, dass wir bei dröhnendem Bass und schreiender Trainerin auf Gymnastikmatten geschlummert haben, wie gut behütete Babies. Das war wegen der frühen Fahrt und den stundenlangen Trainings für unseren ersten gemeinsamen Auftritt. Sogar im Schlaf sind wir freudig aufgeregt gewesen.

Heute ist diese ganze Nervosität vorbei, denn besagter Auftritt ist geschafft. Sie, die da vorne geht und sich bei jedem Schritt wichtiger zu fühlen scheint, ist stolz auf diese Show. Das bemerke ich an ihrer Stimme, die immer überheblicher wird und daran, dass sie den beeindruckten Kindern so ganz ernsthafte Antworten gibt. Dabei hat sie nicht einmal die Choreographie erfunden. Ich sollte einfach nicht hinhören.

„Keine Ahnung.“, sagt der Tänzer dann irgendwann, nachdem so viele Gedanken durch meinen Kopf gerast sind, dass ich mich beinahe nicht mehr erinnere, worauf er mir diese Antwort gibt. Das kann eine Nebenwirkung der Müdigkeit sein. Er strahlt mich an. Sein Gebiss ist ziemlich deformiert, was sein eher hässliches Gesicht nicht schöner macht. Während ich ihn so betrachte, fällt mir ein, dass ich fast mein ganzes bisheriges Leben lang ein ebenso deformiertes Gebiss getragen habe, wenn auch nicht deformiert auf dieselbe Art. Für Fotos hatte ich ein Lächeln trainiert, das die Zähne versteckte und bei Shows habe ich den Mund meist geschlossen gehalten, obwohl meine Trainerin gerne „Lächelt, so, dass man die Zähne sieht!“, geschrien hatte. Ein ziemlich lautes Organ hat die gehabt. Mit 21 dann hatte man mir eine dieser grässlichen Zahnspangen aus Metall mit ständig reißenden Gummis in besagt unförmiges Gebiss gepflanzt. Auf meine Anfrage, selbstverständlich. Hässlich hatte das ausgesehen, noch hässlicher als zuvor. Und die Essensreste machten es sich gerne darin bequem, was nur durch ständiges Zähneputzen vermeidbar gewesen war. Aber es hat seine Wirkung getan.

„Ich bin einfach nur müde.“, sage ich nun und bleibe stehen, da wir im Garten der Freundin unserer Tanzkollegin ankommen. Oder Zweckfreundin. Ich weiß nicht recht, ob wir hier oder anderswo für die Nacht untergebracht sind. Ich hoffe nur, dass wir nicht alle im selben Raum schlafen. Dass der neben mir gehende Tänzer mich nachts mit diesem anhimmelnden Blick betrachten könnte, versetzt mich beinahe in Panik.

Dieser lacht. „Du siehst trotzdem schön aus.“, sagt er und lächelt wieder so komisch. Wie immer bereitet mir das ein wenig Unbehagen. Ich habe keine Lust mich zu bedanken und fühle mich außerdem gerade eben überhaupt nicht schön. Hinzu kommt, dass mir völlig egal ist, was er von meinem Aussehen hält. Eine Dusche bräuchte ich, nach diesem Auftritt, das vor allem. Ein ganz gewöhnlicher Auftritt war das, überhaupt nicht besonders, auch wenn sich das unsere Tanzkollegin gerne einbildet. Natürlich hat es mir auch Spaß gemacht, aber Stars sind wir deshalb noch lange nicht.

Bevor mein ignorantes Schweigen zu unerträglich wird, beginnt die sich überschätzende Kollegin zu sprechen. „Meine Freundin und ich - wir haben hier noch einige wichtige Termine zu bereden. Das betrifft euch nicht wirklich, also könntet ihr euch ja die Stadt ansehen.“ Ich nicke, obwohl ich so gar keine Lust habe, in dieser uninteressante Stadt umher zu schlendern. Erst recht nicht mit diesem Typen, in dessen Augen sich jetzt funkelnde Sterne bilden. Doch die Müdigkeit lässt nichts anderes zu als dieses Nicken.

Ich verstehe nicht, warum es so viele Mädchen oder Menschen allgemein gibt, die gerne Verehrer haben. Ich möchte nicht behaupten, dass das zu einem meiner täglichen Probleme zählt, aber WENN es vorkommt, ich es bemerke und ich diesen Typen so uninteressant finde, wie den, der da gerade neben mir geht und sichtlich überlegt, wie er mich beeindrucken könnte – der Satz wird zu lange. Ich verliere mich darin, wie ich mich in dem Schweigen verliere, das uns umgibt.

Wie gut, dass die Müdigkeit die Zeit ein wenig schneller vergehen lässt. So gelingt es mir für eine Weile zu vergessen, dass der Tänzer überhaupt anwesend ist. Und, dass ich es schrecklich unangenehm finde, wenn sich jemand für mich interessiert, den ich so ganz uninteressant finde. Das hat nicht unbedingt etwas mit dem deformierten Gebiss zu tun. Bedrängt fühle ich mich, in der Anwesenheit dieser seltsamen Gestalt. Seine, mich ständig verfolgenden Blicke jagen mir Angst ein. Ich habe das Gefühl mich nicht mehr natürlich verhalten zu können, wenn jede meiner Bewegungen analysiert wird. In meiner Unperfektheit ertrage ich es nicht, als eine Art Perfektion hingestellt zu werden. (Mir ist bewusst, dass Unperfektheit kein korrektes Wort ist, aber gleichzeitig sollte dir bewusst sein, dass es mir herzlichst egal ist, ob du in meinem Blog nach korrekten Wörtern suchst.)

„Ich habe das vorher ernst gemeint.“, sagt er jetzt, während seine dunkelbraunen Augen nach rechts schielen. Nach rechts, weil ich rechts von ihm gehe. Ich habe übrigens nichts gegen dunkelbraune Augen, ich mag dunkelbraune Augen sehr, aber nicht seine. Wovon spricht er? Davon, dass er mich hübsch findet? Oder war das Wort, das er benutzt hat „schön“? Ich erinnere mich nicht. Die Hitze und die Müdigkeit sollten gar nicht versuchen, mir vorzutäuschen, dass sie sich miteinander anfreunden könnten.

„Ich auch.“, sage ich, jetzt den Asphalt betrachtend. Natürlich, denn das Gras hat uns mittlerweile verlassen, oder eher wir das Gras. Kurz schweigt er. Welch wunderbarer Moment der Ruhe. Abgesehen von dem Auto, das von hinten an uns vorbei fährt. Doch in Wahrheit stört es mich überhaupt nicht.

Er räuspert sich. „Aber…. Du hast mir doch gar nicht geantwortet.“ Ich nicke. Bestimmt sieht er dieses Nicken, obwohl er seitlich von mir geht. Zu sehr schielt er in meine Richtung. Ganz genau fühle ich seinen Blick. „Genau das habe ich ernst gemeint, weißt du.“, sage ich jetzt. Vielleicht klingt das arrogant, aber leider schießt besagter Satz einfach so aus meinem Mund.

„Was meinst du damit?“, fragt er, jetzt wieder mit diesem seltsamen Lächeln, als würde er irgendetwas von mir erwarten, zum Beispiel, dass ich mich in ihn verliebe.

„Nichts Besonderes. Einfach nur, dass ich keine Lust habe Antworten auf so unnötige Kommentare abzugeben.“ Wieder ziemlich hart, aber wo er sich doch selbst hirngespinstische Illusionen verschafft, kann ich ihn darin nicht auch noch bestärken.
„Also weißt du, dass du schön bist?“, fragt er zu meinem Ärgernis. „Können wir nicht über irgendwas anderes reden? Merkst du nicht, dass mir solche Kommentare unangenehm sind und, dass das außerdem jetzt gerade völlig unwichtig ist?“ „Für dich vielleicht.“, sagt er trotzig.

Und dann schweigen wir wieder. Ich überlege, ob die Besprechung vielleicht schon zu Ende sein könnte, denn ich wäre gerne zurück zu den anderen gegangen. Nicht, dass ich das als besonders aufregend empfunden hätte. Bestimmt gab es für den heutigen Tag auch gar nichts mehr Wichtiges zu tun. Aber das hier – mit diesem uninteressanten Typen durch diese uninteressante Stadt zu spazieren und dabei Mühe zu haben meine Augen offen zu halten – das war doch wohl der Gipfel einer Zeitverschwendung.

Natürlich könnte man mich jetzt wieder als arrogant oder ignorant bezeichnen. Jede Stadt kann interessant sein, wenn man nur genau hinsieht, so wie jede Person es ebenfalls sein kann. Aber nach drei Stunden Schlaf und Show, in einem fremden Land mit zu vielen Eindrücken kann ein Minimum an Ignoranz wohl einigermaßen geduldet werden. Falls du nicht meiner Meinung bist, behalte das für dich, denn es ist mir ohnehin völlig egal.

„Findest du eigentlich, dass man innerhalb einer Crew eine Beziehung haben kann?“, fragt jetzt der Tänzer zu allgemeiner Unzufriedenheit. Ein Raunen geht doch die Menge. Na gut, allein ich bin es, die genervt vor mich hin grunzt. Welch Gesprächsthema! Vor allem da unsere Crew aus drei Leuten besteht und zwei davon Mädchen sind.

Wenn er es bis jetzt nicht verstanden hat, kann ich ihm vielleicht noch ein ganz klein wenig nachhelfen. So sammle ich all meine nicht mehr vorhandene Energie und stoße einen erschrockenen Laut aus. Einen von diesen, während denen man einatmet, die Augen aufreißt und den Mund eine Weile lang geöffnet stehen lässt, um die Dramatik zu steigern.

„Aber nein!“, rufe ich, übertrieben ablehnend, während ich meinen rechten Zeigefinger von links nach rechts bewege. Gar nicht künstlich wirkt das. „Natürlich nicht! Wie stellst du dir denn so etwas vor?“

Während ein paar seiner Augensterne zu erlöschen beginnen, suche ich weiter nach Worten. Dramatisch muss es klingen und für Zweckfreundschaften passend. Die andere bezeichnet flüchtige Bekannte wie uns gerne als Familie, was natürlich völlig übertrieben ist. Könnte aber gut klingen. „Weißt du – eine Crew, das ist doch irgendwie so wie eine Familie. Oder zumindest wird es nach einiger Zeit… vielleicht… irgendwann… so. Stell dir vor, wenn dann zwei Personen aus der Crew zusammen kommen…“ Das kann diesem Stalker nicht allzu schwer fallen, wo er seit Wochen jeden meiner Schritte zu überwachen scheint. „Und dann! Stell dir vor es funktioniert nicht! Dann leidet die gesamte Crew darunter!“ Meine Stimme schwankt künstlich aufgeregt in mehreren Tonhöhen umher. „Gesamte Crew“ klingt bei drei Personen natürlich absolut lächerlich, aber so theoretisch wie er versucht hat sich mir anzunähern, schiebe ich ihn nun auch von mir.

Eine Zeit lang sagt er nichts.

„Aber es könnte doch auch… funktionieren.“, meint er dann vorsichtig. –Nein es kann nicht mit uns funktionieren, weil du mich einfach nicht interessierst. – denke ich, während ich bemerke, wie die Wut in mir aufsteigt. Warum kann ich nicht einfach schlafen?

„Ach nein. Nein, nein, nein. Sowas kann überhaupt nicht funktionieren, weil es überhaupt nicht in eine Crew passt. Verstehst du - Freunde, das ist etwas ganz anderes. Und das Tanzen ist schließlich wichtig, nicht wahr?“ Dann nickt er. „So etwas zerstört eine Crew.“

Ich bin beinahe stolz darauf, meine Ausrede so glaubhaft zu präsentieren. Das heißt nicht, dass ich ihn traurig machen will – natürlich liegt es nicht in meiner Absicht ihn zu enttäuschen, aber was könnte ich anderes tun?

In einer Einbahnstrasse angelangt schlage ich vor umzukehren.

Auf dem Rückweg legt sich ein peinliches Schweigen über uns.

Ich sage mir selbst, dass ich doch seit Beginn des Weges auf Ruhe gehofft hatte. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen Ruhe und peinlicher Stille. Also gehe ich schneller. Die Trockenheit hat eine leichte Staubschicht auf meine lilafarbenen Sneakers gelegt. Mein Rachen ist genauso trocken.

„Ich habe Durst.“, sage ich dann. Er schweigt weiterhin.

„Denkst du wir können diese Show auch in Paris vorführen?“ Er zuckt die Schultern.

„Das finde ich gerade völlig unwichtig.“, sagt er dann leise.

Schweigend tue ich so, als hätte ich ihn nicht gehört. Vielleicht war das der Tod der Crew.