Lust auf eine Lesung?

In Linz am Rhein, zwischen Bonn und Koblenz, findet am 14. und 15.Oktober der traditionelle Kunsthandwerkermarkt statt. Und am 14.10.ab 18 Uhr wird Linz noch bunter, denn sie wird ausgeleuchtet: Linz leuchtet.

Viele Veranstaltungen machen das bunte Treiben noch bunter, unter anderem liest Susanna M. Farkas im Café Kitsch aus ihren Büchern. Ein Besuch lohnt sich!

 

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Blogbeitrag: Die blassrosa Premiere Teil 2 - 03.02.2016

Ich gehe durch die Tür des Saals. Obwohl wir die ganze Generalprobe lang gelüftet haben, steht die warme Luft. Und das bei dem Regenwetter. Zu meiner Linken befindet sich der große Spiegel, vor dem ich vor Jahren tagtäglich unterrichtet habe. Ich hätte gedacht, dass mich das emotional berühren könnte, aber, zumindest in diesem Moment, löst es nichts in mir aus. Natürlich kann es sein, dass die Aufregung alle anderen Emotionen überdeckt. Über eine Hälfte des Spiegels haben wir das schwarze Banner des Radiosenders gehängt, der die Lesung angekündigt hat. Ob sie das wirklich getan haben, kann ich natürlich nicht wissen, wo ich so gut wie niemals Radio höre. Ich habe einfach einmal darauf vertraut. So oder so gibt so gut wie keine freien Plätze mehr. Direkt neben der Tür stehen ein paar voll besetzte Bänke. Zwischen diesen und der Bühne (die mehr Auftrittsfläche und weniger Bühne ist) befinden sich einige Tische mit Stühlen, ganz wie in einem Café. Obwohl ich dem Tanzschulbesitzer gesagt habe, meine Helfer und ich würden das alles selbst aufbauen, konnte er es einfach nicht lassen den Großteil der Möbel schon vor unserem Eintreffen hinzustellen. Damit hatte er natürlich Recht, denn ich hatte, wie so oft, die Zeit etwas knapp einkalkuliert. Bei meinem Eintreten verstummt das Publikum. Es verfolgt mich mit Blicken. Im linken Eck am Ende des Raumes, direkt neben den Fenstern, steht das Klavier meiner Schwester. Sie sitzt dahinter. Bereit das Lied zu spielen, von dem sie nicht sicher ist es zu können. Ich gehe auf die gegenüberliegende Seite, in Richtung der gelben Trennwand, die wir als Umkleidekabine und Rückzugsort verwenden. Jemand hustet. Die Zuschauer schauen mir immer noch hinterher. Bestimmt erwarten sie, dass der Abend mit einer Begrüßungsrede beginnt, aber da können sie lange warten. Das ist schließlich nichts anderes als die einzigartige Blassrosa-Lesung.

Ich stelle mich hinter die Trennwand. Mein Bruder und sein Kumpel sitzen am Lesungstisch. Sie kehren mir den Rücken zu. Natürlich kann es sein, dass das Publikum diesen Sketch seltsam findet. Vor allem am Beginn einer Lesung. Welche Lesung beginnt schon mit einem Sketch? Und dann noch dazu mit einem Sketch, in dem der Autor gar nicht mitspielt. Ich verstecke mich so gut wie möglich hinter der Trennwand, gehe aber davon aus, dass das Publikum mich trotzdem sieht. Die tiefe Stimme meines kleinen Bruders hallt im Tanzsaal wider. Ich erinnere mich nicht daran wann seine Stimme plötzlich so tief geworden ist. Vielleicht war das erst nachdem ich ausgewandert bin. Hoffentlich denkt sein Kumpel daran mit französischem Akzent zu reden. Bei der ersten Probe ist er unabsichtlich ins Steirische abgedriftet. Und hoffentlich denkt er daran die französischen Wörter, die er sagt richtig auszusprechen. Und hoffentlich findet das Publikum diesen Sketch nicht lächerlich, schließlich habe ich noch nie zuvor einen Sketch geschrieben.... Jetzt ist es Gelächter, das durch den Saal schwirrt. Also scheint das Geschriebene lustig zu sein. Und damit scheint sich die Stimmung aufzulockern. Das ist mir wichtig. Mein Publikum soll sich vor allem wohl fühlen.

Ich fühle mich nicht wirklich wohl, zumindest nicht bisher. In meinem Bauch hat sich eine Kugel gebildet, die mich schwer nach unten zieht. Allerdings kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass sie verschwinden wird, sobald ich vor dem Publikum stehe. Ich dränge mich in eine Ecke hinter der Trennwand, damit mein Bruder sich neben mir umziehen kann. Die Klaviermusik verstummt. Meine Schwester hat es geschafft, ganz ohne Fehler. Ich atme auf. Jetzt sind alle still. Mit einer schnellen Bewegung öffne ich das Fenster hinter der Trennwand. Denise, die Freundin meines Bruders sitzt bereits am Lesungstisch und mischt die Karten. Das wird diesmal kein Sketch, sondern einfach nur eine optische Einlage. Ein nachgestelltes Pokerspiel, aber so ganz ohne Jetons. Ganz ruhig, damit man den Beginn von „Blassrosa“ gut hören kann. Ich ziehe mein Jackett aus und hänge es auf den Kleiderständer hinter der Trennwand. Mein Bruder setzt sich zu Denise. Daraufhin komme ich hinter der Trennwand hervor und gehe an ihnen vorbei, um meine Unterlagen und das Mikrofon zu holen. Kurz stelle ich mir die Frage, wie sich meine Stimme wohl durch dieses anhören mag. Dann beginnt die Stimme wie von selbst zu sprechen. Die Zuschauer starren mich wie gebannt an, beinahe als wären sie entsetzt von dem, was aus meinem Mund kommt. Jetzt lacht niemand mehr, denn der Beginn meines Buches ist nicht so lustig wie der Rest. „Die Luft war warm und stickig. Sie stand still.“, lese ich vor. Bestimmt wie während des Lesens, oder noch ein bisschen wärmer, denke ich. Irgendjemand hustet. An diesem Husten hört man, dass die Person es lieber unterdrückt hätte. Sobald ich das hier fertig habe, muss ich mich bemühen, um eine auflockernde Begrüßung hinzukriegen, denke ich. Ich sitze in der Mitte, wodurch ich den Überblick über das gesamte Publikum habe. Nachdem ich eine Weile lang gelesen habe, senke ich die Mappe und das Mikro. Mein Bruder und dessen Freundin wissen so, dass sie aufstehen müssen. Wir tauschen die Plätze. Jeder rückt einen Platz weiter. Wie bei der Probe, achte ich genau darauf, dass das Mikro-Kabel nicht vom Stuhl blockiert wird, denn das hat mich einmal fast zu Fall gebracht. Jetzt sitze ich seitlich zum Publikum. Das habe ich noch nie getan. Ich frage mich, ob für die Zuschauer der Perspektivenwechsel so krass ist, wie für mich selbst. Darum geht es, bei diesen Wechseln, die vielleicht nicht alle Zuschauer sofort verstehen: Um den Perspektivenwechsel. Suchen muss man den sicher nicht, in „Blassrosa.“ Falls das jemand nicht versteht, denkt er vielleicht die Platzwechsel seien irgendeine moderne Art von Kunst. „Das hat die Wagner von den Franzosen abgeschaut.“, sagt der dann vielleicht in der Pause zu seiner Frau. Und die hält mich dann für besonders intelligent. Wieder stehen wir auf, wieder tauschen wir die Plätze.

„Eine Blutspur blieb.“, sage ich am Ende des ersten Teils und senke Mikro und Mappe. Durch die Stille hört man ganz genau das Rascheln des Papiers, sowie ein kleines „Klack“, als das Mikro am Tisch aufkommt. Nicht durch die Lautsprecher, denn ich habe es bereits ausgeschaltet. Ich stehe auf, frage ob mich ohne Lautsprecher auch alle gut hören. Das Kabel ist nämlich zu kurz, um mit dem Mikrofon im Saal auf und ab zu gehen. Natürlich möchte ich auf und abgehen, ansonsten wirkt die ganze Geschichte doch viel zu statisch. Ich bedanke mich; bei der Tanzschule, den anderen Helfern und natürlich dem Publikum. In der Hand halte ich ein oranges Notiz-Kärtchen, das ich irgendwann während einer Nachtschicht im Hotel vorbereitet habe. Zu der Zeit hatte ich natürlich absolut keine Ahnung gehabt, dass dieses farblich so perfekt zu meinem Rock passen würde. Danach hatte ich den Eidechsen in unserem Garten all das erzählt, was ich jetzt dem Publikum erzähle; Wie ich nach Paris kam und wie mich die Vororte zu meinem Debütroman inspiriert haben. Bereits nach den ersten paar Sätzen merke ich erleichtert, dass ich das Publikum auf meiner Seite habe. Hin und wieder ertönt Gelächter.

„Jetzt habe ich aber schon genug geredet – ihr wartet bestimmt schon alle auf den interaktiven Teil. Vor allem du, Kay-Kay.“, sage ich, in einem leicht provokanten Tonfall und deute mit dem Kinn auf meine Freundin, die mich vor der Lesung als einzige auf diesen Teil angesprochen hat. Alle anderen Zuschauer drehen sich in ihre Richtung. Leicht errötend blickt sie zu Boden. Damit die Situation nicht noch peinlicher für sie wird, erkläre ich schnell, dass der interaktive Teil schlicht und einfach aus einem Quiz zu den Leseproben besteht. „Am Ende ziehe ich einen eurer Zettel aus diesem hässlichen Hut…“ Ich deute auf einen glitzernden Hut, der allerdings aus fast jedem Winkel des Saales von der Trennwand verdeckt ist. Ich hätte ihn sichtbarer hinlegen sollen, denke ich leicht verärgert. Gekauft habe ich den Hut vor etwa fünf Jahren, am Morgen nach einer Party. Einige Zeit später, als ich dann wieder ganz bei Sinnen war, habe ich festgestellt, dass ich den Hut so hässlich finde, dass ich ihn niemals aufsetzen würde. Nicht einmal nachts ohne Beleuchtung. Seitdem benutzt ihn meine Mutter einmal im Jahr, zu Fasching.

Während die Lesungsbesucher versuchen die richtige Antwort zu finden, spielen Lena und Denise ihr erstes ganzes Musikstück vor. Obwohl sie ohne Mikro singen, klingen ihre Stimmen laut genug. Wieder einmal bin ich überrascht darüber, dass die Stimme meiner Schwester jedes Mal, wenn wir uns sehen voller und besser klingt. Obwohl die Stimmen der beiden sehr unterschiedlich sind, harmonieren sie sehr gut mit einander.

Als sie verstummen, stelle ich mich wieder vor das Publikum und erzähle ihnen die Fortsetzung der Geschichte. Nicht zu viel reden., sage ich mir selbst, denn beim Proben ist mir aufgefallen, dass ich mich manchmal in unzusammenhängende Sätze verstricke, wenn ich nicht beim Essentiellen bleibe. Doch jetzt klappt alles. „In kleiner Stadt groß geworden – ging eher in die Breite…“, lese ich aus dem Tagebuch eines Hauptprotagonisten vor. Wieder Gelächter. Dann komme ich zu einer meiner Lieblingsstellen, zu einem für meinen Roman typischen, humorvollen Missverständnis. Wieder lachen ein paar der Anwesenden. Anschließend kündige ich die Pause an, verweise auf den Büchertisch, den wir mit glitzernden Tüchern und ein paar schicken Steinen dekoriert haben. „Sobald die nächste musikalische Einlage beginnt, begebt euch bitte wieder auf eure Plätze.“ Applaus. Erleichtertes Aufatmen meinerseits. Jetzt kann der Rest nur noch gelingen. Oder etwa nicht?