Lust auf eine Lesung?

In Linz am Rhein, zwischen Bonn und Koblenz, findet am 14. und 15.Oktober der traditionelle Kunsthandwerkermarkt statt. Und am 14.10.ab 18 Uhr wird Linz noch bunter, denn sie wird ausgeleuchtet: Linz leuchtet.

Viele Veranstaltungen machen das bunte Treiben noch bunter, unter anderem liest Susanna M. Farkas im Café Kitsch aus ihren Büchern. Ein Besuch lohnt sich!

 

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Christian Oelemann

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Leseprobe aus "Blutrot oder warum ist der Eber tot?"

Als der Hausmeister Heiser durch die Tür kommt, stellt sich Marlene die berechtigte Frage, ob das ihren Tag verbessern oder verschlechtern könnte. Natürlich freut es sie nicht, den Haus­meister Heiser zu sehen, aber vielleicht könnte der dem Eber Un­terhaltung bieten. Wo er doch die einzige Person der gesamten Griesgasse ist, die gerne Zeit mit dem verbringt. Ohne Marlene zu grüßen, setzt er sich zum Eber an den Tisch. Wie immer trägt er einen blauen Arbeitsanzug. Eine Latzhose. Eigentlich arbeitet er nicht besonders viel, sondern schleicht eher wie eine räudige Katze durch die Straßen. Nach Schweiß stinkt er trotzdem. Hin und wieder repariert er dieses oder jenes, aber meistens funk­tioniert es danach noch weniger als zuvor. Oft redet er schlecht über die Bewohner der Griesgasse, die seiner Meinung nach alle respektlos mit ihm umgehen. »Respekt, das hat es ohnehin nur damals zu Adolfs Zeiten gegeben«, behauptete der Hausmeister Heiser schon öfter mit krächzender Stimme. Laut genug, dass das auch sein Umfeld hören konnte, traute er es sich aber noch nie zu sagen. Gerne zieht der Hausmeister Heiser den Rotz von seiner Nase in den Mund, in dem er vom Rauchen verfärbte Zähne trägt. Den Rotz spuckt er hin und wieder gegen die Haus­wände. Natürlich nur, wenn niemand herschaut. Sonst schluckt er ihn einfach. Jetzt, wo er dem Eber gegenübersitzt, zeigt sein Gebiss ein breites Lächeln. Das bereitet ihm noch einige Falten mehr auf seinem zerfurchten Gesicht. Obwohl er ziemlich weit von der Bar weg sitzt, wird Marlene leicht schwindelig von dem Geruch, der von ihm ausgeht; einem Gemisch aus Schweiß und Rauch.

»Du, Eber, altes Haus«, beginnt er das Gespräch. »Ich hätt da was für dich.« Unterbrochen wird die aufkommende Konversati­on vom Stotternden Huber, der in diesem Moment durch die Tür tritt. Die beiden anderen heben die Köpfe, um ihm unfreundli­che Blicke zuzuwerfen. Er kann die beiden auch nicht ausste­hen, vielleicht sogar noch weniger als sie ihn. Das hat natürlich damit zu tun, dass seine Frau sie nicht gemocht hätte. Solche perversen, rüpelhaften Stümper. Ein Puffgeher und einer, der es gern wäre, könnte er sich die Nutten leisten. Der Stotternde Huber würde sich fremdschämen, wäre er ein bisschen klarer im Kopf. Doch seine grünen Heilpflanzen lenken ihn ein wenig von der traurigen Realität ab. Er setzt sich zur Abwechslung an die Bar, um den beiden anderen nicht zu nahe zu sein. Vielleicht sollte er seinen Stammplatz wechseln. Doch auf diesem seltsa­men Hocker hat er keinen allzu guten Halt. Vielleicht sollte er einfach auf seiner Couch sitzen bleiben, wie er es schon am liebsten tat. Doch da ist wieder die Stimme seiner Frau, die sagt, er dürfe nicht alleine verkümmern. »Unter die Leute gehen muss man, nur so findet man Freude und Erfüllung«, wiederholt er manchmal die Worte seiner geliebten Helene. Dann bekommt er eine Gänsehaut, da er das Gefühl hat, sie stünde tatsächlich neben ihm. Manchmal freut ihn das, manchmal bringt es ihn zum Weinen. Er spricht nicht von den Stimmen in seinem Kopf, damit man ihn nicht wieder ins Irrenhaus einliefert. Marlene schenkt dem Stotternden Huber ein Glas Wasser ein. Sie findet, dass er diesmal besonders durstig aussieht. Aufmerksam lauscht er Bach. Den mochte sie, die Helene. Wer weiß – vielleicht sitzt sie gerade neben ihm auf einer Wolke und lauscht den magi­schen Klängen eines zauberhaften Flügels …

»Jetzt red schon, Heiser«, fordert der Eber sein Gegenüber nach einem Moment der Stille auf. Der Hausmeister Heiser schielt kurz in Richtung des Stotternden Hubers, bevor er zischt: »Du weißt doch, dass ich für die Burschenschaftler arbeit.« Dem Hausmeister Heiser ist nicht klar, dass der Eber nur deshalb hin und wieder Anzüge trägt, weil er ein Büroangestellter ist. Er ist sogar eines der unwichtigsten Elemente des Büros. Die meiste Zeit macht er nur Kopien oder gießt die Orchideen. Diese haben alle schon ganz gelbe Blätter. In seinem Wichtigtuerköfferchen hat er seine Jause und ein paar Malstifte. Mit in die Bars nimmt er dieses auch gar nicht, aber auf der Straße gibt er hin und wie­der damit an.

Irgendetwas im Kopf des Hausmeisters Heiser sagt ihm, dass der Eber reich sein muss. Bei dem vielen teuren Alkohol, den er sich leisten kann – von der geilen Tatiana einmal abgesehen. »Du bist ja jetzt auch nicht mehr der Jüngste«, fährt er deshalb fort. Und weil er sich denkt, die Leber vom Eber könne auch nicht mehr lange durchhalten. Der Eber nickt. »Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wem du dein Vermögen vererbst?« Der Eber lacht. Er findet es amüsant, dass der Hausmeister Heiser von Vermögen spricht. Das schmeichelt ihm. »Kinder hast du ja keine.« Der Eber schüttelt den Kopf. »Außer vielleicht irgendwo Nuttenkinder, aber denen geb ich nix«, erwidert er lachend. Der Hausmeister Heiser erwidert sein Lachen nicht, sondern spricht mit ruhiger, beinahe flüsternder Stimme weiter. Eindringlich betrachtet er den Eber mit seinen funkelnden, blauen Augen. »Und wie lange deine Alte noch lebt, kannst du auch nicht wis­sen.« Der Eber nickt ernst. Zum ersten Mal bemerkt er, dass der Hausmeister Heiser lispelt. Normalerweise ist seine Stimme oft so heiser, dass man dieses Lispeln gar nicht hört. »Falls die nicht bald abtritt, werd ich sie denk ich eh erschlagen«, erwidert der Eber. »Recht hast. Was ich sagen will – gib dein Erbe doch den Burschenschaftlern, dann weißt du zumindest, dass es in guten Händen ist.«

Schwerfällig erhebt sich der Eber. Eine enorme Müdigkeit legte sich über ihn – nicht einmal der Espresso kann diese ver­treiben. Wahrscheinlich tat die unfreundliche Kellnerin eh kein Koffein rein, um ihre Ruhe von ihm zu haben. Und dann kommt auch noch dieser stinkende Mülltonnenherumschieber daher, um ihm seine letzten Cents abzuknöpfen! Seine Arme zittern leicht, als er sich an den Lehnen abstützt, um sich hochzudrü­cken. »Komm, Heiser, schau!« Der Eber geht in den hinteren Bereich des Cafés und deutet auf ein an Jungfrauenblut erin­nerndes Bild. Seine immer noch zitternde Hand legt er auf die Schulter des Hausmeisters Heiser. So gelingt es ihm besser, sein Gleichgewicht zu halten. Vielleicht sollte er wirklich etwas kür­zertreten, anstatt sich ständig bis in die frühen Morgenstunden zu vergnügen. »Ich wollte mein Geld eigentlich dem Zeichner da geben, oder Maler – ein wahres Genie.« Der Hausmeister Heiser schüttelt den Kopf. »Woher willst du denn wissen, wer das gemacht hat?«, fragt er. »Einmal hab ich in der Zeitung von einem Auktions­künstler gelesen«, meint der Eber. Marlene wundert es, dass er überhaupt schon irgendwann irgendetwas las. Mit ein bisschen Überwindung bringt sich der Stotternde Huber ein, der den bei­den seit einigen Minuten mit einem Ohr zuhört: »So heißt das nicht – das h-heißt Aktionskünstler, mit ›A‹, nicht mit ›Au‹ und was da hängt sind sicher nicht die Originale von irgendeinem berühmten …« Da der Eber den Stotternden Huber nicht mag, tut er erst, als hätte er ihn nicht gehört. Insgeheim gesteht er sich allerdings ein, dass das eben eine sehr wichtige Information war. »Das heißt, du willst diesem komischen Maler da dein Geld geben?«, hinterfragt der Hausmeister Heiser. Dabei lacht er ein bisschen, um dem anderen klarzumachen, wie lächerlich diese Idee denn sei. Vor allem im Gegensatz zu seiner. Der Eber schüt­telt den Kopf. »Nein, wenn das nicht der gemalt hat, von dem ich in der Zeitung gelesen hab, mag ich den nicht, ich mag nur den Maler aus der Zeitung. Marlene, wer hat das gemalt?« – »Keine Ahnung«, erwidert Marlene mit einem Schulterzucken. Sie hat wenig Lust, an dem Gespräch teilzuhaben. Außer dem Eber und der Chefin Frau Walters kennt sie außerdem niemanden, dem die hässlichen Bilder gefallen. »Und wenn der Maler aus der Zeitung wirklich so gut ist, braucht er dein Geld ja gar nicht, Eber«, versucht es der Hausmeister Heiser auf die verständnis­volle Tour. »Das siehst du doch, dass er gut ist, oder bist du blind? Schau die kräftige Farbe – rot wie Blut.«

»Als ob das wichtig wäre, wer diese Drecksbilder macht. Selbst ich könnte so was machen, mit meinen zwei linken Händen. Aus dem Arschloch zum Beispiel«, murmelt der Stot­ternde Huber, so, dass es nur Marlene hören kann – und ganz ohne zu stottern. Marlene ist überrascht über die ungewohnte Ausdrucksweise ihres Gastes. Doch dann erwischt sie sich da­bei, den Gedanken angenehm zu finden, sich den Eber an die Wand geschmiert vorzustellen. Ganz ruhig wäre er dann und vielleicht könnte man ihn sogar an einen dieser Perversen da draußen verkaufen. Überrascht über ihre eigenen Gedanken dreht sie sich um, um schnell eines der Gläser ins Regal zu stel­len.

»Das heißt, wo du nicht weiß, wer das gemacht hat, bleiben für dich nur noch die Burschenschaftler übrig. Wer weiß, wie lange du noch lebst?« Da nickt der Eber, der in diesem Moment gar nicht weiß, wie recht der Hausmeister Heiser eigentlich hat.


9783956673078